The Trickster

Heyoka, Hermes, Heiopei


Auf den Spuren von Koyote

Ein Seminar oder so.


08. - 11. Mai 2025

Eschwege-Institut

Nur wenige Mythen haben eine so weite Verbreitung wie die des Tricksters. Sie gehören zu den ältesten Ausdrucksweisen der Menschheit. … Wir begegnen ihnen bei den alten Griechen, in China, Japan, bei den semitischen Kulturen, in Afrika …


„Verspielt, boshaft, subversiv, amoralisch: Der Trickster kennt kein Gut und Böse. Denn er ist zuständig für beides.“ (Paul Radin, The Trickster)

„Wir können die zugrundeliegenden Elemente des Tricksters bezeichnen als phallisch, unersättlich, gerissen und dumm – er ist der Geist des Chaos, der Feind der Grenzen.“ (Karl Kerényi, Essay)

„So gut wie alles, was wir einem Psychopathen zuschreiben können, können wir auch dem Trickster zuschreiben.“ (Lewis Hyde, Trickster makes this World)

 

Erst einen Tag alt, tritt Hermes über die Schwelle der Höhle, in der ihn seine Mutter, Maia, geboren hat. Das erste, das ihm begegnet, ist eine Schildkröte. „Was gibt es da draußen?“, fragt ihn seine Mutter und Hermes‘ Antwort könnte lauten: „Nur eine alte Schildkröte!“

Schon der Anthropologe Victor Turner beschreibt Anfang des 20. Jahrhunderts in The Ritual Process den Raum hinter der Schwelle, das „Betwixt und Between“, als generativ und spekulativ. Das Bewusstsein, „das diesen Raum willentlich betritt, erschafft neue Strukturen, neue Symbole, neue Metaphern. Dieses Schwellenbewusstsein kann in jedem erwachen.“ Ist der Trickster Inkarnation dieses Bewusstseins, der Meister, der Gott des Schwellenraumes, wie Hyde ihn nennt? Ist sein Wirken konstruktiv? Wenn ja, muss er, wie Turner noch entmutigend diagnostizierte, als Repräsentant dieses Freiheitsmoments sofort wieder eingefangen und neutralisiert werden, dürfte sich nicht frei entfalten, weil sonst die soziale Integration der Gesellschaft gefährdet wäre. Muss das, was das Individuum in liminalen Handlungs-zusammenhängen als Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen erlebt und erfährt, notwendigerweise wieder zu den Strukturen des Alltags zurückgeführt werden und kann nur in den Grenzen des Ritus bestehen.


Doch was soll hier dieses Hirnen? Sind es nicht genau diese Erstarrung der Strukturen, die Allmacht des Rationalen, die Grenzen unserer Konzepte, unsere essentiellen Kategorien, die der Trickster im Mythos immer wieder zerbröselt, damit in Frage stellt und so Raum für die lebensherhaltende und atemspendende Erneuerung schafft. C. G.  Jungs erweckender Traum vom Scheißhaufen Gottes, der die Kirche unter sich begräbt, sei hier in akademisch-verbrämter Koprophilie genussvoll wie treffend angeführt.

Doch wie kann diese v(z)erstörende Energie der heiligen Archetypen, Autoritätsverächter, Gestaltenwandler und Agenten des Unheils unsere Arbeit bereichern, unseren dümpelnden persönlichen Prozess beflügeln? Braucht es in Zeiten, in denen Ideologie mit Identität gleichgesetzt wird und Perspektivenwechsel zum Fremdwort gerät, das Korrektiv des Koyoten, um unsere marode Welt endlich aus den Angeln zu heben und zu bewegen?

Die Fähigkeit des Tricksters „Durchgänge zu öffnen und zu schließen, dient dem menschlichen Leben …“ sagt Robert D. Pelton und folgerichtig müssen wir zugrunde gehen, das sei hier mit mephistophelischer Strenge behauptet, wenn in uns der Trickster stirbt. Die Prophezeiung des Weltuntergangs (Ragnarök) beginnt, nachdem die Götter in Asgard den großen Täuschertrickster Loki lahmlegen, weil er die reine Personifizierung des Guten, den Gott Baldr, ins Jenseits befördert.


Hat diese Welt, und damit auch wir, nicht längst alle Trickster ins Exil geschickt und zu Teufeln und Monstern erklärt? Und hat Trickster-Energie überhaupt jemals ein pädagogisches Anliegen gehabt? Geht es darum, was Trickster macht, oder darum, was wir damit machen, was Trickster macht? Oder geht es darum, unseren eigenen Tricksterqualitäten zu begegnen?


“Questions, Questions, Questions, flooding into the mind of the concerned young person today. Ah, but it's a fucking great time to be alive, ladies and gentlemen. And that's the theme of our program for tonight.” (Frank Zappa)


„A fucking great time“: Können wir, die Seminarleitung, das garantieren? Kaum. Können wir wissen, was Coyote und Rabe für uns in diesen Tagen des Seminarodersos (Achtung: „SOS“ am Ende) bereithalten? Kaum. Gibt’s im besten Fall Geld zurück? Kaum.

So sei es Koketterie oder Planlosigkeit, wenn wir dieses Seminar als voraussichtlich „experientiell“ und „partizipativ“ und, in Tricksters Namen, „unintellektuell“ bezeichnen.

Ein letzter Köder sei ausgeworfen, denn Köder und Trickster sind untrennbar miteinander verbunden: Trifft das alles nicht sogar einen buchstäblich notwendigen Zeitgeist: „From Hero to Trickster“ titelt ein Podcast der School of Mythopoetics und die wunderbare Neo-Troubadourin Sophie Strand wirft aktuell neue Perspektiven auf die Mythen des Grals, auf Tristan, Dornröschen und Dionysos, sieht gar Trickster-Qualität im Wilden Mann des Eisenhans und erlöst so manche mythologische Gestalt von den Fesseln der Linearität Campbell’scher Heldenreisen.


Zeitgeist hin oder her: Susanoo, der koreanische Trickster, entweiht mit seinem Kot die himmlische Zeremonie seiner Schwester, der Sonnengöttin Amaterasu, wirft ein gehäutetes Pferd rücklings durchs Dach ihrer Webhalle und - soll denn der Sommer ewig währen? - verletzt sie dabei tödlich. So schlimm wird es wohl nicht werden. Kaum. Vielleicht ein wenig mehr als kaum. Das können wir beinah garantieren. Und mangels weiterer Ideen enden wir beschwörerisch mit Annie Dillard’s Worten aus ihrem Pulitzer-Preis gekrönten Werk Pilgrim at Pinker Creek: „Schönheit und Anmut treten auf, ob wir sie nun wollen und spüren oder nicht. Das Wenigste, was wir tun können, ist zu versuchen, da zu sein.“

Was hättest du mit der alten Schildkröte gemacht?


fragen Heike und Werner


Leitung: Werner Pilz und  Heike Talea Esch


Kursgebühr: 415,- €


Ort: Eschwege Institut

Kost & Logis: Vollpension/Nacht im 2- o. 3-Bettzimmer 69,00 €, Einzelzimmer 79,00 €, Zelt/ Womo 59,00 €, Toiletten/Bäder auf dem Gang.


Anmeldung via pdf